Ratgeber: Was ist eigentlich eine Recamiere?

Ein Begriff aus der Möbelwelt kompakt erklärt

Recamiere


Was ist eine Recamiere?


Der traditionelle Begriff, Récamière, stammt aus dem Französischen und bedeutet: Liege mit zwei hochgeschwungenen Armlehnen, aber ohne Rückenlehne.


Heutzutage werden mit dem Begriff Sitzmöbel beschrieben, die keine vollständige Rücken- oder Seitenlehne haben.


Aus dem ursprünglichen Design hat sich inzwischen ein Möbelstück entwickelt, dass oft mit einer Rückenlehne versehen ist, die Armlehnen jedoch oft nur angedeutet sind.


Recamiere


Die Entstehungsgeschichte der Recamiere


Ausgangspunkt für die Popularität dieses Sofatyps im 19 Jhdt. ist ein Gemälde des berühmten Malers Jacques-Louis David.


Im Jahre 1800 suchten die französische Schriftstellerin Juliette Récamier und ihr Ehemann, der Bankier Jacques-Rose Récamier, einen geeigneten Maler, der Juliette auf einem Portrait verewigen sollte.


Als Ehefrau eines reichen Bankiers gehörte sie zu einem erlesenen Teil der französischen Gesellschaft.


Auch war sie für ihre bewundernswerte Schönheit und ihre zornige Persönlichkeit bekannt. Es wurde behauptet, dass sogar Napoleon ihr dreimal das Angebot gemacht haben soll, seine Palastdame zu werden. Sie lehnte dies jedoch jedes Mal ab.


Ihre Wahl fiel auf Jacques-Louis David, der den Auftrag als Portraitzeichner annahm.


Die Entscheidung für Jacques-Louis David war schlau:


So erfuhren alle Verwandten, Freunde und Bekannten im sozialen Umfeld der Récamiers von dem Bildnis, denn David galt zu dieser Zeit als einer der wichtigsten und einflussreichsten Künstler Frankreichs. Er war politisch aktiv und mit allen Gruppierungen der Ersten Französischen Republik vernetzt.


gestreifte recamiere


David zeichnete Juliette auf einem Liegesofa, genauer gesagt einer Recamiere gebettet.


Bevor sich für dieses Möbel der Begriff Recamiere durchsetzte, wurden solche Sofas dem klassizistischen Directoire-Stil zugeordnet. Dieser Stil fand zunächst nur in der zeitgenössischen Architektur Ausdruck.


Die ursprünglich französische Bezeichnung für ein breites Sofa ohne Rückenlehne war "lit bateau" („Boots-Bett"). Es wurde in der Regel als Ruhebank verwendet. Es entwickelte sich aus der Chaiselongue.


Künstler und Architekten der Konsularszeit (1799 - 1804) betonten die kubische Geschlossenheit der Möbel. Dies erklärt die nach außen geschweiften Wangen des Möbelstücks. So setzten sich Symmetrie und Stil auch bei der Gestaltung der Möbel durch.


Um die Bekanntheit von Architekten, Künstlern und Ebenisten zu erhöhen und ihre Werke zu verbreiten, wurden in großer Zahl Stil-Buchbände mit Innen- und Außenansichten repräsentativer Pariser Bauen veröffentlicht.


gemusterte recamiere


Jacques-Louis Davids Portrait von Juliette Récamier ist durch die vielen Besucher ihres Salons auch einem größeren Publikum bekannt: Durch die Popularität des von Kritikern hochgelobten Gemäldes entstand die Verknüpfung von Juliette Récamier und der Récamière.


Aufgrund ihres repräsentativen Charakters und ihrer vielseitigen Verwendungsmöglichkeiten erfreute sich die Récamière im 18. und 19. Jahrhundert großer Beliebtheit. Zu dieser Zeit war sie dennoch ein Luxusgegenstand und nur in wohlhabenden Häusern zu finden. Nach damaliger Tradition war es besonders elegant, auf einer Recamiere liegend Gäste zu empfangen.


Mitte des 19. Jahrhunderts kam die Récamière auf einmal aus der Mode, wurde in den 20er Jahren mit dem zunehmenden Hang zur Dekadenz wieder zum beliebten Einrichtungsgegenstand und in den Wohnzimmern der feinen Gesellschaft gesichtet.


Die genaue Verwendung des Begriffs Recamiere für ein lit bateau veränderte sich im Laufe der Jahrzehnte: So bezeichnet Recamiere nach der erweiterten Definition alle Sofaformen ohne vollständige Rücken- oder Seitenlehnen. Sowohl deutsche, durch den Empire-Stil beeinflusste Möbel als auch Recamieren, die zur Biedermeier-Zeit entworfen wurden, weisen eine größere Vielfalt in ihrer Gestaltung auf. Sie besitzen fast immer geschwungene Rückenlehnen und haben sich aus der strengen Symmetrie gelöst.





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